Mach´es Dir leicht!

„Ach Mensch, das sieht immer so leicht aus, wie Künstler/in XY singt. Wie macht er/sie das bloß?“.
Eine Frage, die ich als Gesanglehrer häufig, in Verbindung mit einem Seufzer, aus dem Munde eines Schülers oder einer Schülerin höre, und die ich auch das eine oder andere Mal äußere, wenn  ich mich  selbst an einem anspruchsvollen Song versuche, der mich an meine Grenzen bringt.

Die Antwort ist übrigens so einfach, wie sie kompliziert ist:
Wenn es leicht aussieht, ist es auch leicht!

Der Interpret, der mit Leichtigkeit ein Stück singt, das einen nur mit offenem Mund dastehen lässt, bringt alle Voraussetzungen für diesen Song mit.

Wie für einen Artisten oder Athleten, der scheinbar ohne nachzudenken eine halsbrecherische Übung turnt, ist für Künstler/in XY einfach alles „im Fluss“ und alle schauen und/oder hören fasziniert zu, wie ein emotionaler Song durch die Stimme den Weg in die Herzen und/oder Füße der Zuschauer und Zuhörer findet.

Doch halt:
Nur weil es für Künstler/in XY offensichtlich einfach ist,  heißt das nicht automatisch, dass es für den Sänger bzw. die Sängerin schon immer einfach war.
Oft geht einer großen Leistung, die nicht sofort für jeden Menschen reproduzierbar ist, viel harte Arbeit voraus, die dem Publikum in aller Regel verborgen bleibt.

So auch für die meisten Sänger.
Ja, es gibt sie, die „Natursänger“, deren Stimme einfach macht, was der Kopf und das Herz sagen.
Doch für viele Sänger ist das eben nicht so einfach.

Zunächst muss der Stimmapparat grundsätzlich in der Lage sein „zu liefern“, d.h. Kraft und Koordination müssen in ausreichendem Maße vorhanden sein. Wenn in diesem „System“ etwas nicht optimal am Start ist, muss zunächst dafür gesorgt werden, dass der entsprechende Teil die Anforderungen erfüllen kann.
Das funktioniert quasi wie beim Motor im Auto: Wenn da was nicht „rund läuft“, fährt auch das Auto nicht entsprechend seiner Leistungsdaten.

Die nächste Frage, die geklärt werden muss:
Ist der Motor überhaupt im richtigen Wagen?
Man kann mit einem Kleinwagen-PKW Motor keinen 12-Tonnen-LKW mit Anhänger auf die Autobahn schicken.
Auf´s Singen übertragen heißt das: Ist das Stück, das ich singen will überhaupt in einer Tonart, die für meine Stimme geeignet ist (Einer Basstimme wird es rein physikalisch nicht gelingen, eine Tenor-Nummer in der Original-Tonhöhe hervorzubringen).
Die Sänger/innen, die wir so für ihre Gesangsleistungen bewundern, singen in 99% der Fälle in ihrer „Sahnelage“. Ist ja auch klar, denn wirklich glänzen kann man nur mit seinen Stärken und nicht unbedingt mit seinen Schwächen.

Schließlich geht es um die Feinheiten: Welche Stelle im Song funktioniert nicht und was muss ich als Sänger/in anders machen, um sie zu meistern (um in der Analogie zu bleiben: Jetzt ist der Fahrer gefragt, der entscheidet, wo es lang geht und der ggf. auch mal auf eine Nebenstrecke ausweicht, um ans Ziel zu kommen).

Dieses „etwas anders machen, um eine Stelle zu meistern“ muss übrigens nicht zwangsläufig etwas mit der „richtigen Gesangstechnik“ zu tun haben: sehr, sehr häufig entscheidet schon ein Kleinigkeit im Kopf über Gelingen oder Scheitern.

Und last but not least ist noch ein weiteres, entscheidendes Element gefragt, nämlich Geduld!

In meiner kleinen Analogie wäre Geduld das Benzin, das den Motor antreibt und dafür sorgt, dass Fahrer und Wagen überhaupt das Ziel erreichen.

Es gibt Songs, die eine(n) Sänger/in wirklich herausfordern und die sich nicht so leicht „bezwingen lassen“.
Ich erinnere mich an eine Nummer von „Huey Lewis and the News“, die mich über zwei Monate hinweg nicht losgelassen hat und die ich mit allem, was ich technisch auf der Pfanne hatte, bearbeitet habe. Es war echt zum Verzweifeln (hey, schließlich ist das doch mein Beruf! Wie kann es sein, dass ich meinen Schülern dabei zuhöre, wie sie einen „Meilenstein“ nach dem anderen singen, während ich nicht mal diesen einen Song hinbekomme. Aaargh!)

Aber Stück für Stück ging es vorwärts, bis ich den Song schließlich „in der Tasche hatte“.
Und seit ich diesen Song singen kann, habe ich noch mehr „in der Tasche“, nämlich eine gute Portion Selbstvertrauen für die Arbeit an schwierigen Nummern und einen ganzen Haufen neuer, nützlicher Werkzeuge für meine Schüler.

Fazit: Arbeite grundsätzlich so lange an einem Stück, bis es so leicht ist, dass Du den Aspekt „Gesangstechnik“ hinter Dir lassen und Dich voll und ganz dem Song widmen kannst ohne nachzudenken.
Wenn Du diesen Punkt erreicht hast, kannst auch Du zu den Sänger(n)/innen  gehören, die man für ihr „Talent“ bewundert (und von denen man tragischer weise häufig denkt, dass ihnen alles in den Schoß fällt und sie überhaupt nichts für ihr Können tun müssen).

Großmutter würde es wohl noch kürzer sagen: Ohne Fleiß kein Preis :-)

Disclaimer: Nur weil ein Song technisch leicht zu singen ist bedeutet das nicht, dass er Dir nichts abverlangt!
Singen ist immer mit Energie verbunden und je anspruchsvoller der Song, desto höher auch der Energieeinsatz.
Ein emotionaler Song kostet Energie, wenn Du ihn mit vollem Einsatz singst.
Wenn Du Dir einen Song erarbeitest und damit „leicht machst“ sorgst Du aber dafür, dass dieser physische und emotionale Einsatz nicht zu Lasten Deiner Stimme geht!

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