Singen trotz Erkältung?

Eine der häufigsten Fragen, die mir in meiner täglichen Arbeit begegnet ist die Frage, ob man mit einer Erkältung singen darf und was man tun kann, um trotz Erkältung singen zu können.

Singen mit Erkältung
Singen oder nicht singen – bei Erkältung immer wieder „die“ Frage…

Grundsätzlich ist dazu zu sagen, dass es in der Regel der Stimme nicht schadet, wenn man trotz und mit einer verstopften Nase singt. Bei einer Halsentzündung sieht das schon anders aus, denn daraus kann sich – wenn sie nicht schon vorliegt – schnell auch eine Kehlkopfentzündung entwickeln, die für die Stimme gefährlich werden kann. Sobald es also auch im Hals kratzt ist auf jeden Fall eine Abklärung und ein „yes or no“ durch den Arzt angesagt! Ich würde niemals gegen den Rat meines Arztes mit einer Halsentzündung singen!

Gut soweit die Warnhinweise und die Antwort auf die Frage, ob man mit einer Erkältung singen darf.

Die Frage ob und wie man – vorausgesetzt man hat sich an die o.g. Warnhinweise gehalten – trotz Erkältung singen kann, habe ich meinen Schülern vor einigen Monaten mit einer „Rundmail“ in Form eines „Erfahrungsberichtes“,beantwortet, den ihr – für die „Öffentlichkeit freigegeben und bearbeitet“ unten nachlesen könnt. Ich hoffe, dass die darin enthaltenen Tipps auch euch helfen.


 

Hier der (zugegebenerweise sehr ausführliche) Text:

 

Hallo liebe Sänger/innen,

Ich war schon so einige Male erkältet auf einer Bühne unterwegs.
Mit einer derart heftigen Erkältung wie am vergangenen Freitag (Anm.: Es handelte sich um einen schicksalhaften Freitag im im Jahre 2014) allerdings noch nie.
Noch am Tag vor dem Auftritt habe ich ernsthaft über eine Absage nachgedacht, aber in dieser Kurzfristigkeit wäre das weder für die Band noch für den Veranstalter besonders toll gewesen. „Augen zu und durch“ war also die Devise. Erstaunlicherweise lief der Auftritt stimmtechnisch wesentlich besser als erwartet, sogar wesentlich besser als bei Gelegenheiten, zu denen ich mit einer weniger starken Erkältung singen musste. Zugegeben: Hier und da war die Stimme einfach nicht auf dem richtigen Ton, aber im Großen und Ganzen ist das nicht wesentlich stärker ins Gewicht gefallen, als an einem anderen Abend, wo das auch ohne Erkältung mal passieren kann. Zwischenzeitlich hatte ich sogar das Gefühl, ganz ohne Erkältung zu singen. Erst am Ende des knapp 2-stündigen Programms war nichts mehr zu machen – bei der Zugabe war die Beweglichkeit und Kondition der Stimme endgültig erschöpft, sodass ich wie eine Mischung aus „alter Oma“ und „Erich Honecker“ klang (für die Jüngeren unter euch: Erich Honecker war der sogenannte „Generalsekretär des ZK der SED“, und damit quasi der Präsident, der DDR, die bis 1989 den Ostteil Deutschlands darstellte. Wenn Du damit nichts anfangen kannst: Sofort googlen:-))

Lange Rede kurzer Sinn- in den nächsten Zeilen will ich nun schildern, was ich „gemacht“ habe, um den Abend stimmlich durchzuhalten, in der Hoffnung, dass es auch euch hilft, wenn ihr das nächste Mal in die Verlegenheit kommt, mit einer Erkältung (Achtung: Erkältung OHNE nennenswerte Halsentzündung!) singen zu müssen.

  1. Trinken, trinken, trinken

Bis zum Anfang des Auftrittes waren über den Tag verteilt bereits drei Liter stilles Wasser meine Kehle hinuntergelaufen, sowie 3 große Tassen „Hals-Tee“, und 1 großes Glas Gemüsesaft (Tomate/Gurke/Sellerie/Petersilie). Auch während des Auftrittes habe ich immer wieder einen großen Schluck aus meiner Wasserflasche genommen, sodass ich in der Gesamtbilanz des Tages auf ganze 4,5 Liter Wasser gekommen bin. Flüssigkeit ist bei Erkältungen enorm wichtig, um den Schleim, der sich im Atemsystem breit macht, so dünn wie möglich zu halten.

  1. uuu und iii

Um die total „kaputte“ Stimme überhaupt für einen Auftritt vorzubereiten musste ich erst mal ihre Beweglichkeit wiederherstellen. Am Tag vor dem Auftritt klang ich noch wie Barry White, was unvorteilhaft ist, wenn man Material singen muss, dass eher im Tenorbereich anzusiedeln ist. Also fing ich an, meine Stimme erst mal „klein zu machen“. Mit ein paar „uus“, die ich in einem Vocal fry angefangen habe und dann bis zu meinem im erkälteten Zustand höchsten Ton nach oben gezogen habe – nur soweit, wie meine Stimme erlaubt hat. Danach habe ich auf klitzekleinen „iii“s vom höchsten Ton beginnend Abwärtsskalen gesungen, und zwar immer wieder und nur in einer Lautstärke, wie meine Stimme mir erlaubt hat. Sobald ich ein Kratzen oder Kitzeln bemerkt habe, habe ich die Lautstärke erst mal wieder reduziert. Als ich bei einer mittleren Lautstärke in jeder Höhe angekommen war, habe ich schließlich die Tonfolge verändert und aufsteigende Skalen von ganz unten nach ganz oben vokalisiert, ebenfalls bis ich bei einer mittleren Lautstärke angekommen war. Das Ganze habe ich mehrmals wiederholt, und zwar am Tag vor dem Auftritt und am Auftrittstag selbst.
Beim eigentlichen Einsingen war ich sehr zurückhaltend unterwegs. Sobald ich gemerkt habe, dass eine Übung mehr anstrengt als „aufwärmt“, habe ich sie schlichtweg abgebrochen und eine andere gemacht.

  1. Setliste abstimmen

Um beim Auftritt meine Stimme nicht gleich am Anfang zu schreddern und ihr und mir eine Chance zu geben, das Konzert zu überstehen, habe ich die Setliste auf meine Erkältung „abgestimmt“. Dabei habe ich darauf geachtet, mit Nummern zu beginnen, die für mich leicht zu singen sind, wo der Stimme nicht zu viel Höhe oder Intensität abverlangt wird. Zur Mitte hin habe ich dann auch Songs hereingenommen, die stimmlich etwas anspruchsvoller waren und schließlich die „Hammernummern“ an den Schluss gestellt. Dramaturgisch war das Set wohl nicht unbedingt optimal, aber was hilft einem die beste Dramaturgie, wenn die Stimme nicht mitmacht. Ich glaube, dass diese Setlisten-Abstimmung der entscheidende Teil des Puzzles war.

  1. trinken, trinken, trinken

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich ganze 4,5 Liter Wasser zu mir genommen habe, um die Stimme „geschmeidig“ zu halten?

  1. Salzpastillen

Eigentlich halte ich mich immer von Halsbonbons und Sprays und Pastillen jeglicher Art fern. Aber wenn meine Stimme angegriffen ist, dann hau´ ich mir immer „Salzpastillen“ rein (erhältlich in der Apotheke oder Drogerie) . Ich bin mir manchmal nicht sicher, ob die Teile eine echte Wirkung oder nur einen Placebo-Effekt haben. Wenn sie tatsächlich nur „Placebo“ sind, dann sind es aber verdammt gute :-)
Übrigens, ich nehme immer unbedingt die Pastillen „ohne alles“, also auch ohne Menthol, denn die darin enthaltenen ätherischen Öle können die Stimmlippen „austrocknen“, was für einen Sänger wohl kontraproduktiv wäre..

  1. Brühe, Brühe, Brühe

Empfehlung von meinem Hausarzt. Brühe (entweder pflanzlich oder Hühnerbrühe) gibt dem Körper jede Menge Sachen zurück, die er bei einer Erkältung über vermehrte Schweißproduktion loswird (z.B. Salze, soweit ich das verstanden habe).
Ich habe am Tag vor dem Auftritt und am Konzerttag jeweils 2 Suppenteller Brühe zu mir genommen und muss „Großmutters Hausrezepten“ Recht geben: Mir hat´s geholfen. Ich habe mich etwas kräftiger gefühlt und quasi ganz nebenbei zusätzlich Flüssigkeit getankt. Für mich künftig bei Erkältungen definitiv ein „must“!

 

  1. Ohrstöpsel auf der Bühne

Abhängig von der jeweiligen Monitorsituation und der eigenen Leidenschaft, verausgabt man sich auf der Bühne stimmlich manchmal mehr, als die Stimme verzeiht, was sich meistens – Gott sei dank – erst nach dem Konzert bemerkbar macht. Bei meiner angegriffenen Stimme wollte ich dieses Mal aber kein Risiko eingehen und habe mir beim Konzert meine Ohrenstöpsel (ich benutze immer professionelle Gehörschutz-Stöpsel für Musiker) in die Ohren geschoben.
Der Vorteil des „mit Ohrenstöpseln-Singens“ liegt darin, dass man die eigene Stimme vermehrt über den Körperschall wahrnimmt und weniger über den von außen an die Ohren getragenen Schall. Damit hat man ein viel unmittelbareres Gefühl dafür, wie viel Kraft man für die Töne braucht. Wichtig ist, das Ganze bei den Proben schon mal zu üben (Proben würde ich ohnehin niemals ohne Ohrstöpsel abhalten, aber das ist noch mal ein Thema für sich). Beim Singen mit Ohrenstöpseln muss man sich unbedingt am Körperschall, also der „Stimme im Kopf“ orientieren und den Anteil der Stimme, der über die Monitore kommt, mental möglichst ausblenden. Dem Mischer aber trotzdem sagen, dass er die Stimme auf dem Monitor anständig aufdrehen soll.

 

  1. Ansagen kurz halten!

Beim Singen ist man mit der Stimme sehr kontrolliert unterwegs, beim Sprechen, gerade, wenn eine Lärmkulisse vorhanden ist, gerät man schnell ins „Schreien“. Total kontraproduktiv, wenn man noch einen Haufen Stücke zu singen hat. Also habe ich mir dieses Mal auch die wenigen Ansagen gespart, die ich mir sonst so aus den Fingern sauge. Ich glaube, das war eine gute Idee.

 

So, liebe Sänger/innen, dies war mein „kurzer“ Erfahrungsbericht.

Bei Fragen sprecht mich einfach in eurer nächsten Stunde an und ich erzähl´ euch alles, was ihr zum Thema wissen wollt, sofern ich eine Antwort habe :-)